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Muscicapida
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Als Muscicapida wird ein artenreiches Taxon innerhalb der Unterordnung der Singvögel bezeichnet, das etwa 19 Familien mit ĂŒber 150 Gattungen und 850 Arten aus der weiteren Verwandtschaft der FliegenschnĂ€pper und Drosseln beinhaltet.
Taxa, welche die beiden nahe verwandten Familien Turdidae (Drosseln) und Muscicapidae (FliegenschnĂ€pper) beinhaltet, werden in der Fachliteratur traditionell als Ăberfamilie âMuscicapoideaâ oder Ă€hnlich bezeichnet.cite-ref-bock1994-1-0[1] Die molekulargenetischen Untersuchungen der letzten Jahrzehnte hat neben einer Klade aus 5â7 Familien, die insbesondere auch noch die Stare (Sturnidae) enthĂ€lt, auch eine deutlich gröĂere Klade mit knapp 20 Familien festgestellt, die darĂŒber hinaus auch die GoldhĂ€hnchen, Zaunkönige, SeidenschwĂ€nze und deren Verwandte enthĂ€lt. In neuerer Zeit wird diese Gruppe unter dem Namen Muscicapida gefĂŒhrt, wobei die Endung â-idaâ auf den Rang einer Parvordnung verweist (Oliveros et al. 2019).cite-ref-oliveros2019-2-0[2] Im Folgenden wird dieser Bezeichnung gefolgt, und innerhalb dieser Parvordnung bezeichnet die Ăberfamilie Muscicapoidea (sensu stricto) dann ein Taxon, das aus der kleineren Klade mit hier 7 Familien besteht.
Contents
âą Beschreibung
âą Systematik
âą Literatur
âą Einzelnachweise
âą Anmerkungen
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Beschreibung
Die Vertreter der Muscicapida sind typischerweise kleine bis mittelgroĂe Singvögel. GröĂe und Gewicht variieren von 9 Zentimeter und 5 Gramm bei den GoldhĂ€hnchen bis gut 35 Zentimeter und 150 Gramm z. B. bei der Riesendrossel und einigen Staren. Die WeiĂhalsatzel (Streptocitta albicollis) erreicht mit extrem langen Schwanz sogar 50 cm KörperlĂ€nge, Beos (Gattung Gracula) erreichen ĂŒber 200 g Körpergewicht, der Niasbeo (Gracula robusta) teilweise in Gefangenschaft sogar ein Gewicht bis 400 g.
Der sexuelle Dimorphismus â das Auftreten von zwei deutlich verschiedenen Erscheinungsvorkommen der Geschlechter bei derselben Art â ist bei vielen Arten gering. MĂ€nnchen zeichnen sich teilweise durch etwas stĂ€rkerer GefiederfĂ€rbung aus, wie dies bspw. bei der Amsel der Fall ist, oder sind zuweilen, wie beim Gartenrotschwanz, auch deutlich bunter. Typisch fĂŒr die Gruppe ist aber eher, dass oft auch Weibchen auffĂ€llig bunt sind, wie z. B. bei vielen Glanzstaren. Ein wesentlicher GröĂenunterschied zwischen den Geschlechtern kommt nicht vor. Beim Aussehen ist die Variation unter den verschiedenen Arten insgesamt recht groĂ. So wurde die Gruppe auch nicht aufgrund morphologischer Ăhnlichkeiten, sondern erst durch molekulargenetische Untersuchungen erkannt.
Ăhnlichkeiten in der Gruppe erkennt man hingegen bei der ErnĂ€hrung. Der Schnabel ist im Allgemeinen spitz und nur bei einigen Starenarten, wie den Mainas und Atzeln sowie bei den Madenhackern etwas robuster. Die Arten der Gruppe ernĂ€hren sich oft von Wirbellosen (WĂŒrmer, Arthropoden, Schnecken), aber auch von Obst, insbesondere Beeren. Die individuelle VariabilitĂ€t ist allerdings innerhalb der Gruppe sehr unterschiedlich ausgeprĂ€gt. WĂ€hrend sich bspw. SeidenschwĂ€nze fast ausschlieĂlich von Beeren ernĂ€hren und GoldhĂ€hnchen rein insektivor leben, sind insbesondere Stare oft sehr vielseitig und beinahe omnivor. Reine Körner- und Samenfresser kommen nicht vor.
Typisch fĂŒr viele Arten sind auch relativ starke Beine, die ein oft schnelles Herumlaufen auf dem Boden zum Zweck der Nahrungssuche ermöglichen. Diese Eigenschaft ist besonders im Vergleich zur Schwestergruppe der GrasmĂŒckenartigen (Sylviida) auffĂ€llig (dort mit Ausnahme der Lerchen). Eine weitere Gemeinsamkeit, die viele Arten der Muscicapida teilen, ist der oft wohltönende und komplexe Gesang, wie dies bspw. von vielen Drosseln, Nachtigallen und auch Zaunkönigen bekannt ist. Spottdrosseln sind schon vom Namen her fĂŒr ihre Imitationsleistungen bekannt; der Beo gilt als der âsprachbegabtesteâ Vogel ĂŒberhaupt.
Systematik
Forschungsgeschichte
Das hier behandelte Taxon Muscicapida bezieht sich im heutigen Sinne auf die kleinste Abstammungsgemeinschaft (Klade), die sowohl die FliegenschnĂ€pper und Drosseln als auch die SeidenschwĂ€nze enthĂ€lt. Sowohl die innere phylogenetische Struktur dieser Gruppe als auch ihre Abgrenzung und Stellung nach auĂen können heute als weitgehend geklĂ€rt angesehen werden. Die Gruppe im Sinne eines groĂen Singvogel-Taxon, das maĂgebliche Teile der hier dargestellten Klade umfasst, hat allerdings in den vergangenen drei Jahrhunderten einen starken Wandel in Umfang, Zusammensetzung und Benennung durchgemacht.
Der Name der Gruppe geht auf das lateinische âMuscicapaâ von lat. musca âFliegeâ und capere âfangenâ, also den Begriff fĂŒr âFliegenschnĂ€pperâ zurĂŒck. Die erste Nennung eines Taxons dieses Namens ist durch den französischen Zoologen Mathurin-Jacques Brisson im Jahr 1760 belegt, der damit die Gattung Muscicapa bezeichnet.cite-ref-3[3] Der schottischer Naturforscher John Fleming beschreibt 1822 dann die Gruppe als Familie, die heute Muscicapidae genannt wird.cite-ref-4[4] Schon im 19. Jahrhundert fĂ€llt auch die enge Verwandtschaft der insektenfressenden Singvogelgruppen, insbesondere der FliegenschnĂ€pper und der Drosseln (Gattung Turdus, Linnaeus 1758 und Familie Turdidae, Rafinesque 1815) auf, wobei es zunehmend zu Abgrenzungsschwierigkeiten untereinander, aber auch nach auĂen kommt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts beschreibt Henry Seebohm in seiner Monographie ĂŒber die Familie der Drosseln eine breitere Gruppe von verwandten Singvögeln. Diese charakterisiert er durch die Eigenschaften nur einer Herbstmauser und gefleckten Gefieders bei Jungvögeln.cite-ref-5[5] Die folgenden Jahrzehnte sind dann geprĂ€gt von einer immer gröĂeren Ausdehnung der Familie Muscicapidae weit ĂŒber die Drosseln hinaus, wobei fĂŒr alle Taxa, die sowohl FliegenschnĂ€pper als auch Drosseln enthalten, in der Benennung traditionell Namen auf âMuscicap...â und nicht âTurd...â genutzt werden.cite-ref-bock1994-1-1[1] Ernst Hartert schlĂ€gt 1910 dann eine groĂe Familie von âAltwelt-Insektenfressernâ vor, die auf morphologischen Ăhnlichkeiten beruht. Diese von ihm als âMuscicapidae im weiteren Sinneâ bezeichnete Gruppe enthĂ€lt nun auch GrasmĂŒckenartige, Monarchen und Timalien, da er eine Abgrenzung der damals unterschiedenen Familien voneinander fĂŒr nicht gerechtfertigt hĂ€lt, wĂ€hrend er eine Abgrenzung zu den Zaunkönigen fĂŒr möglich hĂ€lt.cite-ref-6[6] Einen Höhepunkt erlebt dieses âlumpingâ in den 1950er Jahren als dann auch noch neuweltliche und schlieĂlich australische Arten mit unter den Schirm dieser Familie gefasst werden. Ernst Mayr und Dean Amadon beschreiben 1951 ein Taxon mit ĂŒber 1400 Arten als âprimitive insect eatersâ (âurtĂŒmliche Insektenfresserâ), die nach jetzigem Wissen teilweise nur entfernt miteinander verwandt sind.cite-ref-mayr1951-7-0[7]
In der RĂŒckschau ist die in dieser Zeit vorgeschlagene Systematik der Singvögel âvom FliegenschnĂ€pper-Typâ eher ein Schaukasten fĂŒr die Problematik der Phylogenie in vor-molekulargenetischer Zeit. In der Gruppe waren mit den StaffelschwĂ€nzen (Maluridae) phylogenetisch maximal von den Drosseln und FliegenschnĂ€ppern entfernte Singvogelarten enthalten: heute sind die StaffelschwĂ€nze als Angehörige der basalen Gruppen des gesamten Singvogelstammbaums erkannt. Auch enthielt die Gruppe heute als Corviden, also mit den Rabenvögeln nahe verwandte Arten, wie die australischen Drosselflöter und vor allem die groĂe Gruppe der Monarchen. Dagegen waren die nach heutigem Wissen nahe verwandten Stare nicht in dieser GroĂfamilie versammelt, sondern wurden in die NĂ€he der Pirole gestellt. Aber es sind in dieser Zeit auch Gruppen hinzugekommen, deren Verwandtschaftsstatus heute Bestand hat: beispielsweise die vor allem auf dem amerikanischen Kontinent verbreiteten Wasseramseln, Zaunkönige und Spottdrosseln.
Zweifel an der Monophylie dieser ĂŒbergroĂen Familie kommen in den folgenden Jahrzehnten vermehrt auf, insbesondere bei den australischen Gruppen. Dennoch wird in vielen Checklisten der 1960er Jahre weiterhin diese Struktur genutzt.cite-ref-mayr1986-8-0[8] Insbesondere die Auflösung der groĂen Gruppe bereitet Schwierigkeiten. 1975 kann P. L. Ames strukturelle Besonderheiten der Syrinx bei Drosseln und FliegenschnĂ€ppern nachweisen, die aber nicht bei Timalien, GrasmĂŒcken und Monarchen vorliegen. Dies ist ein starkes Indiz fĂŒr die enge Verwandtschaft der Muscicapidae (sensu stricto) und Turdidae, zeigt aber die Unterschiede zu den anderen Gruppen auf.cite-ref-ames1975-9-0[9] Der amerikanische Ornithologe Joel Cracraft stellt den Stand im Jahr 1981 durch die EinfĂŒhrung ĂŒbergeordneter Taxa derart dar, dass er eine Teilordnung âMuscicapiâ einfĂŒhrt, die neben Braunellen und Stelzenverwandten eine Ăberfamilie âMuscicapoideaâ aus FliegenschnĂ€ppern, Drosseln, Spottdrosseln, Zaunkönigen und Wasseramseln enthĂ€lt.cite-ref-cracraft-1981-10-0[10]
Der groĂe Durchbruch gelingt allerdings erst mit dem Aufkommen von molekulargenetischen Methoden. Erste Schritte unternimmt hier vor allem Charles Sibley, der die Technik der DNA-DNA-Hybridisierung zur Untersuchung der VerwandtschaftsverhĂ€ltnisse (insbesondere) der Singvögel einsetzt. Dies fĂŒhrt schon in den 1980er-Jahren zu einer Aufteilung der âMuscicapidae im weiteren Sinneâ in viele Familien und der Erkenntnis, dass diese teilweise phylogenetisch weit entfernt voneinander entfernt liegen.cite-ref-mayr1986-8-1[8] Auch wenn diese Technik aus heutiger Sicht durchaus problematisch ist und teilweise auch zu VorschlĂ€gen fĂŒhrte, die sich spĂ€ter als inkorrekt erwiesen, weisen die Erkenntnisse den Weg, der seither zur immer besseren KlĂ€rung der Struktur gefĂŒhrt hat.
F. K. Barker et al. fĂŒhren in den frĂŒhen 2000er-Jahren eine Reihe von moderneren molekulargenetischen Untersuchungen durch, in denen sie Daten aus der Sequenzierung von nukleĂ€ren Genen nutzen. Damit gelingt es, eine phylogenetische Struktur immer besser aufzuzeigen, die sich heute in groĂen Teilen betĂ€tigt hat. Es zeigt sich, dass die Schwestergruppe der Corviden innerhalb der Singvögel drei groĂe Teilkladen enthĂ€lt. Eine dieser drei Kladen wird âMuscicapoideaâ genannt und enthĂ€lt neben FliegenschnĂ€ppern, Drosseln, Spottdrosseln, Zaunkönigen und Wasseramseln nun auch BaumlĂ€ufer, Kleiber und Stare.cite-ref-barker-2002-11-0[11]cite-ref-barker2004-12-0[12] SchlieĂlich konnte auch eine Gruppe rund um die SeidenschwĂ€nze und SeidenschnĂ€pper, die heute als Ăberfamilie Bombycilloidea noch als weitere verwandte Gruppe zu den vorigen aufgezĂ€hlten bestĂ€tigt werden, sodass die Ă€uĂere Struktur weitgehend geklĂ€rt war.cite-ref-cibois2004-13-0[13] Durch die bessere Auflösung der inneren Struktur traten aber neue Probleme im Sinne der Paraphylie auf Familienebene und darunter auf, vor allem im groĂen Komplex der Drosseln und FliegenschnĂ€pper. Als problematisch hatte sich u. a. die traditionelle Zuordnung der SchmĂ€tzer (Saxicolinae) zu den Drosseln erwiesen. Schon seit der auf Grundlage von DNA-DNA-Hybridisierung vorgeschlagenen Sibley-Ahlquist-Taxonomie zeigte sich, dass diese in die Familie der FliegenschnĂ€pper (sensu stricto) gehören.cite-ref-blaumerle-14-0[Anmerkung 1] Eine Reihe moderner Untersuchungen, die alle mit der Methode der Sequenzierungen von nukleĂ€rer sowie mitochondrialer Gene durchgefĂŒhrt wurden, konnten diese Strukturen bis auf Gattungs- und Artniveau klĂ€ren.cite-ref-sangster-15-0[14]cite-ref-zuccon2010-16-0[15]
ĂuĂere Systematik
Die Ă€uĂere Systematik hat sich in den letzten Jahren (Stand 2023) weitestgehend geklĂ€rt. Eine umfassenden molekulargenetischen Studie ĂŒber die Familienstruktur der Singvögel von Carl Oliveros et al. aus dem Jahr 2019 stellt dabei fĂŒr die Darstellung der Phylogenie im Folgenden die wesentliche Grundlage.cite-ref-oliveros2019-2-2[2] Die Kladen oberhalbe der Familienebene werden in der Literatur allerdings zurzeit nicht einheitlich bezeichnet; bis 2019 wurden die gröĂten Gruppen innerhalb der Singvogel-Teilordnung Passerides meist als Ăberfamilien (â-oideaâ) bezeichnet und die Teilordnung Passerides selbst wurde als Parvordnung Passerida bezeichnet. Die von Oliveros et al. vorgeschlagenen Bezeichnungen (alte Parvordnung â neue Teilordnung, alte Ăberfamilien â neue Parvordnungen, alte groĂe Teilkladen innerhalb der Ăberfamilien â neue Ăberfamilien) haben jedoch den Vorteil, dass die seither eindeutiger geklĂ€rte Substruktur der groĂen Kladen nun ebenfalls eine Einteilung in Unterfamilien nahelegt. Dies wird im Folgenden daher auch so dargestellt.
Als Parvordnung im Sinne von Oliveros et al. stellt die Gruppe Muscicapa mit etwa 19 Familien, 150 Gattungen und 850 Arten das Schwestertaxon der Parvordnung Passerida dar, die ihrerseits etwa 30 u. a. mit den Sperlingen, Finken, Stelzen und Piepern verwandte Familien umfasst. Die nĂ€chst verwandte Parvordnung bilden die Sylviida mit etwa 30 Familien aus der Verwandtschaft der GrasmĂŒckenartigen und Lerchen. Zusammen bilden diese drei Kladen die Teilordnung der Passerides, die als Schwestertaxon der Teilordnung Corvides den GroĂteil derjenigen Singvögel umfasst, die nicht nĂ€her mit den KrĂ€hen und Raben verwandt sind.cite-ref-oliveros2019-2-3[2] Diese Einteilung ist im Wesentlichen schon Anfang der 2000er-Jahre stabil erkannt worden (s. bspw. Barker et al. 2002)cite-ref-barker-2002-11-1[11] und wird auch von neueren Studien detailliert so wiedergegeben.cite-ref-kuhl2020-17-0[16]cite-ref-kuhlkladen-18-0[Anmerkung 2]
Auch fĂŒr die stammesgeschichtliche Entwicklung liegen mittlerweile recht gute Daten vor. Die drei groĂen Kladen (Parvordnungen) der Teilordnung Passerides (Sylviida, Muscicapida, Passerida) haben sich nach der Hypothese von Oliveros et al. nach dem Ende einer lĂ€ngeren Kaltzeit im OligozĂ€n vor etwa 28 Millionen Jahren (Ma) auf dem eurasischen Kontinent getrennt. Dabei trennt sich zunĂ€chst eine gemeinsame Klade aus Muscicapida und Passerida von den Sylviida, die sich dann zunĂ€chst auf dem afrikanischen Kontinent weiter diversifizieren. Die Passerida trennen sich wenig spĂ€ter (â26 Ma) von den Muscicapida weiterhin in Eurasien. Beide Gruppen âentsendenâ allerdings im Lauf des frĂŒhen bis mittleren MiozĂ€n (â23â15 Ma) Teile auf den amerikanischen Kontinent. Dazu unten mehr.cite-ref-oliveros2019-2-4[2]
Innere Systematik
Wie sich durch die Forschung der letzten Jahrzehnte gezeigt hat, kann man die innere Struktur der Parvordnung Muscicapida grob durch vier Kladen beschrieben, die im Sinne von Oliveros et al. als Ăberfamilien bezeichnet werden. Wie im nebenstehenden Kladogramm zu erkennen ist, steht dabei die relativ kleine Ăberfamilie Bombycilloidea der Seidenschwanzverwandten mit ihren 6 Familien und nur 15 Arten basal in der Parvordnung. Diese Ăberfamilie bildet die Schwestergruppe der drei anderen Ăberfamilien, unter denen die bei weitem gröĂte Ăberfamilie der Muscicapoidea wiederum basal ist. Diese enthĂ€lt in nur sieben Familien mit fast 700 gut 75 % der Arten der Muscicapida und ist die Schwestergruppe der beiden ĂŒbrigen Ăberfamilien, bei denen die eine â Reguloidea â nur die Familie der GoldhĂ€hnchen mit ihren 7 Arten enthĂ€lt, wĂ€hrend die andere die Ăberfamilie Certhioidea der BaumlĂ€ufer- und Zaunkönigverwandten mit etwa 150 Arten oder knapp 20 % den weitaus gröĂten Teil neben den Muscicapoidea bilden.
Die Zuordnung der 19 Familien zu den Ăberfamilien kann dabei als weitestgehend gesichert angesehen werden; nur die Zuordnung der Fleckenbrust-Zaunkönigstimalie (Elachura formosa), die die monotypische Familie Elachuridae bildet, gilt noch als etwas unsicher. Sie steht nach Oliveros et al. basal in der Ăberfamilie Muscicapoidea könnte nach anderen Analysen aber auch basal in der gesamten Parvordnung stehen.cite-ref-alstroem2014-19-0[17]
Auch ĂŒber die zeitliche und geografische Einordnung der Radiation auf der groben Ebene dieser vier Ăberfamilien-Kladen kann man mittlerweile Aussagen treffen: diese haben sich nach der Hypothese von Oliveros et al. in Eurasien im spĂ€teren OligozĂ€n vor etwa 25 Ma ereignet, also nur kurz nach der oben beschriebenen Trennung der gesamten Parvordnung von der Schwestergruppe der Passerida.cite-ref-oliveros2019-2-9[2]
Ebenfalls in der feineren Ebene auf Familien-, Gattungs- und Artniveau ist durch die rezenten phylogenetische Untersuchungen die Struktur klarer geworden. Zur expliziten Struktur unterhalb der Familienebene sei dabei auf die entsprechenden Familienartikel verwiesen. Die genauen Positionen einzelner Knoten des phylogenetischen Baums werden sich wohl in Zukunft noch Ă€ndern mögen, doch ĂŒber den groĂen Teil der Struktur herrscht mittlerweile Gewissheit. Insbesondere ist die Trennung der beiden sehr groĂen Familien der Drosseln mit ĂŒber 170 Arten und der FliegenschnĂ€pper mit sogar mehr als 340 Arten geklĂ€rt, die in der Vergangenheit so problematisch war und zur Bildung ĂŒbergroĂer âPapierkorb-Taxaâ mit Namen Muscicapidae (sensu lato) gefĂŒhrt hatte. Wie weiter oben beschrieben, war noch in den 1990er-Jahren die groĂe Unterfamilie der SchmĂ€tzer (Saxicolinae) mit ihren etwa 170 komplett aus den Drosseln in die FliegenschnĂ€pper umgruppiert worden. Zeitlich lĂ€sst sich dieser Split im frĂŒhen MiozĂ€n um 17â18 Ma vor der Gegenwart einordnen.cite-ref-zhao2023-20-0[18] Die verschiedenen Familien der Ăberfamilie Muscicapoidea erreichen insgesamt im Laufe der letzten 10 Ma dann alle Kontinente bis auf Antarktika. Die Familie der Drosseln allein ist bereits weltweit verbreitet und erreicht mit den Erddrosseln selbst den australischen Kontinent inklusive Tasmanien. Im AnthropozĂ€n werden schlieĂlich auch einzelne Arten, insbesondere der Stare (Sturnidae), durch Einschleppung weltweit verbreitet und spielen heutzutage als invasive Spezies in einigen Ăkosystemen eine fragliche Rolle. Das bekannteste Beispiel einer solchen Art ist die Hirtenmaina.cite-ref-lowe-et-al-21-0[19]
Auch die biogeographischen Radiationen der anderen Familien und Unterfamilien wurden untersucht. Die Bombycilloidea diversifizierten sich um 20 Ma vor der Gegenwart auf dem nordamerikanischen Kontinent, kehren teilweise aber nach Eurasien zurĂŒck und erreichen mit dem Sulawesiwaldpfeifer (Hylocitrea bonensis) Indonesien und mit den Mohos um 15 Ma vor der Gegenwart schlieĂlich Hawaii. Ebenfalls die beiden anderen Ăberfamilien Reguloidea und Certhioidea diversifizieren sich teilweise auf dem nordamerikanischen Kontinent und erreichen spĂ€ter in Teilen (z. B. Zaunkönige) auch SĂŒdamerika. Afrika wird dabei allerdings nur durch die Gattung der Stammsteiger (Salpornis) aus der Familie der BaumlĂ€ufer erreicht.
Literatur
âą Josep del Hoyo (Hrsg.): All the birds of the World. Lynx Editions, Barcelona 2020, S. 346â352.
Einzelnachweise
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cite-note-44. â John Fleming: The philosophy of zoology; or a general view of the structure, functions, and classification of animals. Band 2. Hurst, Robinson & Co, Edinburgh 1822, S. 240 (biodiversitylibrary.org).
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cite-note-mayr1951-77. â Ernst Mayr, Dean Amadon: A Classification of Recent Birds. In: American Museum Novitates. Nr. 1496. American Museum of Natural History, New York 1951, S. 17â19, 36â37 (handle.net).
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Anmerkungen
cite-note-blaumerle-14Anmerkung 1. â Als Beispiel fĂŒr die Schwierigkeiten der Zuordnung der SchmĂ€tzer auf Basis rein physiologischer Merkmale mag die Blaumerle herhalten. Wie schon der Name andeutet, der etymologisch als âblaue Amselâ ĂŒbersetzt werden kann, sehen die Vögeln den echten Drosseln zum Verwechseln Ă€hnlich und auch Verhalten und Gesang geben keinen Anlass an einer Verwandtschaft zu zweifeln. Erst die Molekulargenetik hat hier echte AufklĂ€rung schaffen können.
cite-note-kuhlkladen-18Anmerkung 2. â In der Studie von bei Kuhl et al. (2020) werden die Kladen in der hier dargestellten Form bestĂ€tigt: Sylviida als âPasseri OHC 9â, Passerida als âPasseri OHC 10Bâ und Muscicapida als âPasseri OHC 10Aâ.